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Weltpremiere - Geranien mit fairen Wurzeln

Die Blume, die wie keine andere für Heimatgefühl und Lokalkolorit steht, hat sich zur Jetsetterin mit afrikanischen Wurzeln entwickelt. 
Neulich im Gartencenter. Zwei Frauen stehen vor einem Tisch voller Margeriten. Die eine klagt über ihren Südbalkon. Da wachse rein gar nichts. Alles verbrenne. Sie wisse nicht, was sie noch in ihre Balkonkästen pflanzen solle. „Nehmen Sie doch Geranien“ rät ihr die andere. „Die halten Hitze locker aus!“ Die Dame mit dem Südbalkon macht ein Gesicht, als ob man ihr ein vergammeltes Wurstbrot angeboten hätte. Geranien, solche "Spießer-Blumen" kämen ihr nicht auf den Balkon.

Eine "Stange" Geranien  ©  gartenradio.fm
Die Pflanze mit dem eingebauten Lokalkolorit hat es schwer. Vor allem seit sie mit bürgerlichem Mief gleichgesetzt wird. Der Schweizer Reisejournalist Dres Balmer aus Grindelwald schreibt über die Pflanze, die das Aushängeschild so vieler Bauernhöfe und Herrenhäuser ist:
Geranien dienten ursprünglich dazu, die Schmeißfliegen, die vom Miststock durch die Fenster ins Wohnhaus fliegen wollten, von diesem Vorhaben abzubringen. Gott wie ich diese Blumen hasse. Dabei habe ich gar nichts gegen dich persönlich, liebes Geraniümli, doch du wirst hierzuberge in Gletscherkrachen so schrecklich missbraucht zu Zwecken der Demonstration eitler Hablichkeit. Das Geranium ist die bürgerlichste Blume.

Schon seit 1957 findet in Bern der jährliche Graniummärit statt  © Regine Frei

Ein Megaseller mit schlechtem Image


Die arme Geranie. Das hat sie nicht verdient. Zugegeben, sie ist nicht gerade die seltene Schönheit, mit der Sammler ihr Raritätenbeet schmücken. Aber die Geranie hat unschlagbare Qualitäten. Sie wächst und blüht auf dem Südbalkon in praller Sonne, auch wenn man mal ein paar Tage das Gießen vergisst. Sie hält es aus im Schatten, wo sie dann einfach ein bisschen weniger üppig blüht. Sie lässt sich mit ein bisschen Pflege einfach überwintern und wenn man sie im Frühling nicht zu früh wieder ins Freie pflanzt, dann kann man etliche Gartenjahre mit ihr verleben.
 
Zweifarbige Geranien sind im Trend © gartenradio.fm
Und sie hat auch optisch viel zu bieten. Divengleich verändert sie ihre Erscheinung. Mal thront sie ganz klassisch als stehende Schönheit im Kasten, mal verwandelt sie als wild hängende Dauerblüherin steinerne Hausfassaden in fröhlich zerzauste Lebensräume. Außer in Blau und Gelb blüht sie in allen Farben, immer häufiger sogar zweifarbig. Und duften kann sie auch: nach Zitrone, oder Rose, nach Eukalyptus, Zeder oder Nuss, nach Minze, Orange, Muskat oder Apfel.

Eine volkstümliche Diva mit vielen Gesichtern


Doch ihr diensteifriges Wesen und ihr wandelbares Antlitz nützen ihr kaum. Wer sie mag, mag sie und bei den anderen hat sie ihr Image als lebendig gewordenes Blümchenmuster des Spießertums weg. Das könnte sich jetzt ändern. Denn es naht Politur fürs Image. Ausgerechnet die Geranie wandelt sich zur hippen Jetsetterin mit fairen Wurzeln. Gerade, weil sie mit jährlich 140 Millionen verkauften Pflanzen, allein in Deutschland, ein Massenprodukt ist, lohnt es sich mit ihr neue Wege in der Produktion auszuprobieren.
 
Marketingleiterin Sonja Dümmen © gartenradio.fm


Ein Fair Trade Siegel für die Geranie


In dieser Saison kommen das erste Mal fair produzierte Geranien mit äthiopisch-niederrheinischen Wurzeln auf den Markt. Jungpflanzenproduzent Dümmen Orange, eines der weltgrößten Jungpflanzenunternehmen, wagt das Experiment.

Erfahrung mit Geranien hat das Unternehmen schon lange. Nach dem 2. Weltkrieg hatte Gärtnermeister Hans-Werner Dümmen im kleinen Dorf Eversael bei Rheinberg eine Gärtnerei aufgebaut. In den sechziger Jahren baute er mit seinem Sohn Günther die ersten Gewächshäuser neben der Gärtnerei und schon in den siebziger Jahren begannen die beiden, Geranien im größeren Stil in Gegenden zu produzieren, deren Klima dem ursprünglichen Herkunftsland der Geranien, nämlich Afrika entsprachen. Sie ließen die Geranien erst in Israel wachsen, dann auf Teneriffa und seit Anfang 2000 in Äthiopien.

 Gewächshaus von Dümmen Orange am Niederrhein © gartenradio.fm
Dort hat Tobias Dümmen, der Enkel des Firmengründers, jetzt eine Stecklingsfarm „Fair Trade“ zertifizieren lassen. Das heißt für die Produktion:  Beschränkung beim Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln, Verbot hochgiftiger Pestizide und nachhaltiges Wassermanagement. Und für die rund 2000 überwiegend weiblichen Arbeitskräfte: Gewerkschaftsfreiheit, Gesundheitsschutz, mehr Arbeitssicherheit und eine bessere Infrastruktur. 
 
Stecklinge aus Äthiopien sollen in niederrheinischer Erde Wurzeln schlagen © gartenradio.fm
Es ist ein erster Versuch. Nur 5 Prozent aller Dümmen-Geranien kommen zunächst mit dem Fair Trade Siegel auf den Markt. Ziel ist es, den Anteil auf 25 Prozent zu steigern. Aber das hängt davon ab, ob die Garten- und Balkonbesitzer bereit sind, ca. 30 Prozent mehr für die fair produzierten Geranien auszugeben. Faire Produktion kostet mehr. Nicht nur in Äthiopien, sondern auch hier in Deutschland. Eine zusätzliche Abgabe für die Stecklingsfarm in Äthiopien ist auch im Preis enthalten. Darüber, wie dieses Geld verwendet wird, entscheiden die Mitarbeiter der Farm selbst. Schulen und ein Krankenhaus stehen ganz oben auf der Wunschliste. Zu kaufen sind die fairen Geranien seit Anfang Juni unter anderem in den Toom-Baumärkten. In einigen Fachgartencentern beginnt die Saison für faire Geranien erst Ende Juni/Anfang Juli. Es lohnt sich nachzufragen.
 Auch ein Trend : zweifarbiges Laub © gartenradio.fm
Neues Image für die Geranie

Wer weiß, vielleicht verhilft das neue Siegel der Geranie ja zu mehr Anerkennung. So wie die neuen zweifarbigen Blüten und das mehrfarbige Laub, könnte sich auch das Image in eine  Mischung aus traditionellem Lokalkolorit auf bayrischen Balkonen und dem grünen Bewusstsein hipper Urban Gardener verwandeln. Dann müsste sogar die Dame im Gartencenter, keine Angst mehr vor der vermeintlich spießigen Geranie haben. 

Geranien auf dem Weg zum neuen Image © gartenradio.fm
Über den afrikanischen Ursprung der Geranie und warum die heutige afrikanisch-niederrheinische Hightech-Produktion ein "zurück zu den Wurzeln" ist. Weshalb man 100.000 Versuche braucht, um 2-3 Geranien zu züchten und wie die Geranie gerade wieder ihr Erscheinungsbild verändert, hören Sie in der Sendung.