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Kümmel und Kutte

In mittelalterlichen Klostergärten durfte der Kümmel nicht fehlen. Er wurde gehegt und gepflegt. Um seine Heilkraft ranken sich Legenden. Wie wirksam ist er wirklich? Mit dieser Frage hat sich die Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg beschäftigt – und den Kümmel zum Arzneikraut des Jahres 2016 gekürt.

Bei Blähungen und Verdauungsbeschwerden soll der Kümmel helfen. Das wussten wohl schon die Menschen in der Jungsteinzeit. Archäologen konnten in ihren Behausungen jedenfalls Spuren von Kümmel nachweisen. Auch bei den alten Ägyptern, den antiken Römern und Griechen gehörte der echte Kümmel (Carum carvi) auf den Speiseplan.
 Der echte Wiesenkümmel ist ein Doldenblütler © Gartenradio.fm
Frühe Zeugnisse

Aber trotz frühester Zeugnisse über die Verwendung von Kümmel wird häufig die Klostermedizin des Mittelalters zu Rate gezogen, wenn es um die Wirksamkeit von Heilkräutern geht. Keine Landesgartengartenschau ohne eigenen Klostergarten. Kein medizingeschichtlicher Vortrag ohne die Erwähnung heilkundlicher Ordensleute, wie Hildegard von Bingen.

Samen von wildem Wiesenkümmel (links) und von kultiviertem Kümmel (rechts) © Gartenradio.fm
Das liegt an den Aufzeichnungen der Ordensleute, meint der Zisterzienserpater Hermann Josef Roth, promovierter Biologe und spiritueller Berater der Forschungsgruppe Klostermedizin an der Uni Würzburg. „Sie waren die Einzigen, die Lesen und Schreiben konnten und das Wissen der Antike überlieferten.“

Tränken – Einlegen – Rühren

Im Arzneibuch der Benediktiner aus der Abtei Lorsch, dem ältesten erhaltenen Buch der Klostermedizin aus dem 8. Jahrhundert, ist folgendes Hausmittel gegen Verdauungsbeschwerden und Erkältung nachzulesen.

Zisterzienserpater und Biologe Dr. Hermann Josef Roth mit Wiesenkümmel © Gartenradio.fm
 „Man nehme mit Essig getränkten Kümmel, in Rotwein eingelegte Datteln, getrocknete Ingwerwurzel und grünen Pfeffer; all das im Mörser zerstoßen und mit Natron und Honig zu einer klebrigen Masse verrührt.“

In der wichtigsten Arzneimittellehre des Mittelalters, dem ‚Circa instans‘ aus der Medizinschule von Salerno, heißt es: „Das Kümmelpulver, in Speisen gereicht, stärkt die Verdauungskraft und löst Windblähung auf. In Saucen angesetzt, regt es die Esslust an.“

Und Hildegard von Bingen empfiehlt im 12. Jahrhundert, eine Mischung aus Kümmel, Pfeffer und Bibernelle aufs Brot zu streuen – „um in den Eingeweiden die warmen und kalten Säfte, die die Übelkeit verursachen“, zu unterdrücken.

Ausgereifte Früchte des Wiesenkümmels (Carvum carvi) © Gartenradio.fm


Eingriff in den "Heilplan Gottes"


Aber das Wissen alleine konnte noch keine Beschwerden lindern. Die Ordensleute mussten es auch anwenden und das war im frühen Christentum verpönt.  Jahrhundertelang galten die Erkenntnisse über Heilmethoden aus der Antike als nicht glaubenskompatibel. Denn wer krank war, stand im Verdacht für begangene Sünden büßen zu müssen, und die Behandlung von Kranken wurde als Eingriff in den Heilplan Gottes gesehen. 
 Auch im Klostergarten Oberzell hat der Kümmel einen Platz © Gartenradio.fm


Im frühen Mittelalter änderte sich die Auffassung. Äbte und Nonnen übertrugen das Wissen aus der Antike, begannen in Klostergärten mit dem Anbau von Heilkräutern und übernahmen die Funktion von Ärzten. Allerdings sind die Aufzeichnungen der Ordensleute nicht unproblematisch. Die Pflanzenbezeichnungen waren nicht eindeutig. Dieselbe Pflanze konnte je nach Region ganz unterschiedliche Namen haben. Und umgekehrt konnten verschiedene Pflanzen mit demselben Namen bezeichnet werden. So wie es dem Kümmel und dem Kreuzkümmel ergangen ist. Wer ist wer und welcher ist gemeint? 

 
Der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer im Klostergarten Oberzell © Gartenradio.fm
Was ist dran an der Klostermedizin?

Heute will man genau wissen, was dran ist an der Klostermedizin. Seit 1999 erforscht der Medizinhistoriker Prof. Johannes Gottfried Mayer mit seiner Forschergruppe Klostermedizin des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Würzburg in mühsamer Kleinarbeit, welche Pflanzen, Mineralien und tierischen Stoffe in den Texten beschrieben sind, wie sie dosiert und kombiniert wurden. Dann prüfen sie die Rezepturen auf ihre pharmakologische Wirksamkeit.
 
Üppiges Grün im Klostergarten Oberzell © Gartenradio.fm
Forschung im Klostergarten

Ein echter Klostergarten gehört von Beginn an zur Forschungsarbeit dazu. Der Klostergarten vom Kloster Oberzell, etwa sechs Kilometer von Würzburg, idyllisch am Main gelegen. Es ist ein Klostergarten, der es zu einer beachtlichen Berühmtheit gebracht hat. Denn Schwester Leandra Ulsamer hat den Garten zu einem der größten Klostergärten Deutschland gemacht. Vor drei Jahren hat die damals Achtzigjährige den Klostergarten in die Obhut der Forschergruppe Klostermedizin gegeben.

Fachsimpeln - Schwester Linhildis und Johannes Gottfried Mayer © Gartenradio.fm
Was tatsächlich dran ist an der Heilkraft des Kümmels, welchen Stellenwert der Kümmel im Mittelalter hatte, wie man heute guten Kümmel erkennt und warum man ihn nicht in freier Wildbahn sammeln sollte – hören Sie in der Sendung.